Raus aus dem Tagesgeschäft

60-Stunden-Woche und trotzdem kein Erfolg: Was 95 Prozent der Geschäftsführer im Mittelstand übersehen

Du arbeitest mehr als jeder andere im Betrieb, und am Jahresende steht er da, wo er vor zwei Jahren stand. Das liegt nicht an deinen Stunden.

Alexander Baliet Alexander Baliet 6 Min.

Du arbeitest 60 Stunden. Manche Wochen 65. Du fängst um sechs an, kommst nach neun heim, und am Sonntag-Vormittag sitzt du nochmal zwei Stunden am Schreibtisch, um die Woche vorzubereiten. Und trotzdem wächst der Laden nicht, der Druck wird nicht weniger, die Liste der offenen Themen am Freitag-Abend ist länger als die am Montag-Morgen.

Das ist die unangenehme Stelle, an der viele Geschäftsführer im Mittelstand zwischen 15 und 150 Mitarbeitern jahrelang stehen bleiben. Du gibst alles, du arbeitest mehr als alle anderen im Betrieb, du machst die längsten Tage, und am Jahresende bist du müde, ärmer, und der Betrieb steht ungefähr da, wo er auch vor zwei Jahren stand. Das hat nichts mit Pech zu tun, das hat System. Und es liegt nicht an deinen Stunden, sondern an etwas, das dir bisher keiner so deutlich gesagt hat.

Der Tag, den du jeden Tag lebst

Schauen wir uns deinen typischen Mittwoch an. Du bist seit halb sechs auf, weil du wolltest, dass die Mails leer sind, bevor das Werk anfängt. Punkt sieben steht der erste Mitarbeiter in der Tür, weil eine Charge nicht freigegeben ist und der Lieferant um neun rauswill. Du gehst in die Halle, schaust dir die Charge an, gibst sie frei. Zurück am Schreibtisch klingelt das Telefon, ein Kunde will wissen, warum sein Termin verschoben wurde. Du telefonierst zwanzig Minuten, beruhigst, versprichst Rückruf am Nachmittag. Du machst dir keinen Kaffee, du machst die Mails weiter.

Um zehn klopft die kaufmännische Leitung, sie hat ein Angebot vorbereitet, du sollst mal “kurz drüberschauen”. Du schaust drüber, änderst zwei Zahlen, korrigierst einen Satz. Bevor sie aus dem Büro ist, klingelt schon der Polier, weil auf der Baustelle die Vermessung nicht stimmt. Du fährst raus, das sind 25 Minuten hin, 40 Minuten vor Ort, 25 Minuten zurück. Mittagspause hast du heute nicht.

Den Nachmittag bist du in Brandherden, die du gar nicht mehr einzeln benennen kannst. Lieferant, der nicht liefert. Mitarbeiter, der krank ist. Disponent, der eine Entscheidung “kurz” mit dir abstimmen will. Material-Bestellung, die nur du freigeben kannst. Um halb sieben ist der Betrieb leer, jetzt fängst du an mit dem, was du eigentlich heute machen wolltest. Angebote schreiben, Kalkulationen prüfen, Refinanzierungs-Gespräch mit der Bank vorbereiten. Um halb neun fährst du heim. Wenn du nach 21 Uhr heimkommst, fragst du dich, ob das normal ist.

Diese 14, 15 Stunden waren nicht 14, 15 Stunden Führung. Sie waren 14, 15 Stunden Brandherde löschen. Du warst nicht der Geschäftsführer eines Mittelstandsbetriebs, du warst der höchstbezahlte Springer im eigenen Haus. Du hast die Charge freigegeben, die ein Polier auch hätte freigeben können. Du hast das Angebot drüberkorrigiert, das die kaufmännische Leitung selbst hätte rausschicken können. Du bist zur Vermessung gefahren, weil keiner anders im Betrieb autorisiert war, dort die Entscheidung zu treffen.

Die Stundenzahl ist nicht das Problem. Das Problem ist, was in den Stunden passiert.

Was Erfolg im Mittelstand wirklich misst

Hier kippt der Reframe, und er ist unbequem, weil er an deinem Selbstbild rüttelt. Erfolg in einem Mittelstandsbetrieb misst sich nicht an Input. Er misst sich an Output. Stunden sind Aufwand, nicht Ergebnis. Wer Aufwand mit Ergebnis verwechselt, baut sich seinen eigenen Burnout, und die Branche feiert ihn dafür sogar noch, weil “der gibt alles”.

Schau dir die Betriebe an, die in deiner Branche den Sprung gemacht haben. Aus dem Meisterbetrieb mit 25 Mitarbeitern und einem Geschäftsführer, der die Krone abnimmt, ist ein Industriebetrieb mit 110 Mitarbeitern, drei Standorten und einer Geschäftsleitung mit klaren Schnitten geworden. Wie haben die das gemacht? Nicht über mehr Stunden. Der Geschäftsführer hat irgendwann aufgehört, 70 Stunden zu arbeiten, und angefangen, an strukturellen Hebeln zu ziehen. Das ist die Strecke, die wir Aus der Garage zum Industriebetrieb nennen, und sie verläuft genau entgegengesetzt zu der Intuition, die du gerade hast.

Deine Intuition sagt: wenn der Laden nicht so läuft, wie ich will, muss ich mehr arbeiten. Härter, länger, früher, später. Die Realität in dieser Größenordnung ist: wenn der Laden nicht so läuft, wie du willst, fehlt eine Struktur, die ohne dich trägt. Die schaffst du nicht über Mehrarbeit, du baust sie über etwas anderes. Über Hebel, die in vier Bereichen liegen, die wir an anderer Stelle ausführlich gemacht haben. Den Rahmen, der vorgibt, wo der Betrieb hin will. Die Mannschaft, die auf den richtigen Positionen sitzt. Das Cockpit, das dir Zahlen liefert statt Bauchgefühl. Und die Routinen, die den Betrieb am Laufen halten, wenn du krank im Bett liegst.

Diese vier sind das, was wir die P4-Methode nennen, und sie sind ein Rahmen, kein Rezept. Wer sich vorstellt, in 90 Tagen aus 60 Stunden auf 40 Stunden zu kommen, hat den Rahmen nicht verstanden. Die Stunden sind nicht das Ziel. Das Ziel ist, dass du in den Stunden, die du arbeitest, andere Inhalte hast. Refinanzierung statt Materialfreigabe. Wachstums-Frage statt Vermessungs-Klärung. Bank-Gespräch statt Polier-Rückfrage. Wenn das passiert, ist es am Anfang ehrlich gesagt egal, ob die Stundenzahl runtergeht. Sie wird, irgendwann. Aber erst, wenn das, was du tust, gekippt ist.

Genau das ist der Punkt, an dem 95 Prozent der Geschäftsführer im Mittelstand vorbeischauen. Sie messen sich an Stunden, weil Stunden sich gut messen lassen. Output misst sich schwerer, also wird er ignoriert. Bis zu dem Tag, an dem die Stunden so hoch geklettert sind, dass nichts mehr geht, und dann ist die Frage nicht mehr “wie kriege ich 60 auf 40”, sondern “wie halte ich überhaupt durch”. Das ist die teure Variante. Es gibt eine günstigere.

Drei Reflexe, die deine Stunden vermehren statt deine Wirkung

Wenn ein Geschäftsführer im Mittelstand spürt, dass es so nicht weitergeht, greift er fast immer zu einem dieser drei Reflexe. Alle drei klingen vernünftig, alle drei sind Symptome desselben Denkfehlers, alle drei vermehren deine Stunden statt deine Wirkung. Keine Lösung pro Reflex hier, nur Diagnose: damit du erkennst, in welchem du gerade gefangen bist.

Reflex 1, härter arbeiten. Das ist der Identitäts-Anker. Du bist seit Jahren der, der die längsten Stunden im Betrieb macht. Du bist als Erster da, als Letzter weg. Die Mannschaft erzählt es bei Familienfeiern. Deine Frau weiß, dass du das nicht abstellst, weil es nicht ein Verhalten ist, sondern ein Selbstbild. Wer “härter arbeiten” als Antwort auf “läuft nicht” gibt, kämpft nicht gegen ein Problem im Betrieb. Er kämpft für die Bestätigung seiner eigenen Identität als Macher. Das klingt heldenhaft. Es ist aber Symptom, kein Lösungs-Anstoß.

Reflex 2, Disziplin-Fetisch. Klingt so: “Ich muss früher aufstehen. Ich muss härter durchziehen. Ich muss konsequenter sein.” Du kaufst dir das nächste Buch über Morgen-Routinen, du installierst eine neue Productivity-App, du machst um halb fünf den ersten Espresso. Disziplin löst kein Struktur-Problem. Sie zementiert das Falsche. Wer disziplinierter im Brandherd löscht, löscht mehr Brandherde, baut aber keine Strukturen, die ohne ihn tragen. Du wirst effizienter im Falschen, nicht wirkungsvoller im Richtigen.

Reflex 3, Tool-Glaube. Hier klingt es so: “Das richtige Software, die richtige Methode, das richtige System macht es.” Du kaufst eine neue ERP-Anbindung, ein neues Projektmanagement-Tool, eine neue Cockpit-Software. Du erwartest, dass die Mechanik des Tools die Mechanik des Betriebs verändert. Tut sie nicht. Tools verstärken eine vorhandene Struktur, sie ersetzen sie nicht. Wer kein Cockpit hat, hat auch mit Software keins, der hat dann nur einen schickeren Bildschirm vor demselben Bauchgefühl. Wer keine klaren Verantwortungs-Schnitte hat, hat sie auch im neuen Tool nicht, der pflegt nur Aufgaben in einer schöneren Oberfläche.

Diese drei Reflexe haben eine Gemeinsamkeit. Sie versuchen, ein Struktur-Problem mit individuellen Mitteln zu lösen. Mehr Wille, mehr Disziplin, mehr Werkzeug. Keiner von ihnen geht an die Stelle, an der das Problem wirklich sitzt. Solange du in einem dieser drei Reflexe steckst, wirst du deine Stundenzahl nicht senken, du wirst sie nur anders einfärben.

Was du wirklich brauchst, statt mehr Stunden

Es geht nicht um weniger Stunden. Es geht um andere Inhalte in den Stunden. Wer den Reframe verstanden hat, hört auf, sich an der Uhr zu messen, und fängt an, sich an dem zu messen, was in den Stunden passiert ist. Refinanzierung statt Materialfreigabe. Wachstums-Frage statt Vermessungs-Klärung. Geschäftsführer-Arbeit statt höchstbezahlter Springer.

Was passiert, wenn du nichts änderst, lässt sich kurz beschreiben. Du arbeitest in zwei Jahren immer noch 60 Stunden, der Betrieb steht da, wo er heute steht, deine Gesundheit ist eine Stufe schlechter, deine Familie eine Stufe weiter weg, deine Mannschaft eine Stufe abhängiger von dir. Das ist nicht Drama-Schreiben, das ist die nüchterne Mathematik dieses Musters, wenn niemand eingreift. Was passiert, wenn du nicht handelst, haben wir hier zusammengefasst. Dort findest du auch die vier Hebel, die hinter dem Reframe stehen, und warum die Reihenfolge nicht beliebig ist.

Wenn du dich in dem hier wiederkennst, im Mittwoch, der nie endet, in den drei Reflexen, im Gefühl, dass mehr Arbeit weniger Ergebnis bringt, dann ist das kein Charakter-Mangel. Es ist die typische Stelle, an der Geschäftsführer im Mittelstand zwischen 15 und 150 Mitarbeitern stecken bleiben, oft jahrelang, manche bis zum gesundheitlichen Bruch. Es ist behebbar, aber nicht mit dem nächsten Programm derselben Sorte. Nicht mit härter, nicht mit disziplinierter, nicht mit besserer Software.

Wenn du dich erkennst und es ändern willst, reden wir 30 Minuten. Kein Verkauf, sondern Diagnose. Du erfährst, wo bei dir der echte Hebel sitzt, und ob wir der richtige Sparringspartner sind, um ihn mit dir zu ziehen. Den Rest entscheidest du.

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